Forschungsprogramm
Zentrale Forschungsidee der dritten Förderphase
Die hier beantragte dritte Förderphase baut auf den Erkenntnissen der ersten beiden Förderphasen auf bzw. führt diese fort. Die Grundidee besteht darin, die interdisziplinäre Forschungsrichtung, die bislang im Schwerpunkt auf das Verständnis wesentlicher Mechanismen gerichtet war, in Richtung auf Optimierungsstrategien und Handlungsperspektiven zu erweitern. Das umfassende Ziel von GRK 780/3 besteht darin, Steuerungsansätze zu entwickeln, mit denen Naturfunktionen in Hinblick auf den urbanen Naturhaushalt und hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Wohnumfeld von Stadtbewohnern optimiert werden können. Dieser Ansatz knüpft zum einen an die Ergebnisse der vorangegangenen Förderphasen an und erweitert sie zum anderen um eine handlungsleitende Ebene.
Ziel ist es, Optimierungsstrategien für urbane Natur und ihre Funktionen hinsichtlich der Lebensumwelt des Menschen zu erarbeiten und interdisziplinär zu bewerten. Dabei werden in Szenarien tiefgreifende Veränderungen wie Klimawandel, Schrumpfung und demographische sowie wirtschaftliche Entwicklung mit all ihren Konsequenzen für die Metropolen berücksichtigt. Die Veränderungen im urbanen Raum betreffen etwa den Wasserhaushalt, die Biodiversität und die Luftbelastung. Aber auch der demographische Wandel hin zu einer alternden Bevölkerung mit ihren Folgen für soziale Strukturen, Wandel der Personenmerkmale, Freizeitverhalten, technologischer Wandel insgesamt gehören zu den sich verändernden Rahmenbedingungen der Zukunft. So wird z.B. der klimatische Wandel in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedliche Auswirkungen auf das Stadtklima haben. In Berlin wird mit einer Erhöhung der mittleren jährlichen Durchschnittstemperatur um bis zu 5 K gerechnet. In klimatischen Ungunsträumen innerhalb der Stadt (z.B. Hitzeinseln) werden noch höhere Belastungen für die Bewohner vorhergesagt. Die Folgen für Gesundheit und Produktivität einerseits sowie Anforderungen an klimatische Ausgleichsflächen (Park, Straßenvegetation, Ruderalflächen etc.) andererseits sind hingegen nicht bzw. wenig untersucht. Zwar war der stete Wandel der Bebauungsstruktur schon immer ein konstanter Faktor städtischer Entwicklung. Relativ neu dagegen ist das Phänomen der schrumpfenden Städte, in denen durch rückläufige Einwohnerzahlen auch Flächen zur Disposition stehen, die nicht mehr wie bisher wieder gebraucht werden. Diese Städte können aber trotzdem einer Dynamik unterliegen, die simultan, aber im Stadtgebiet räumlich getrennt, zu baulicher Ver- und Entdichtung führen kann. Der Prozess der Schrumpfung beinhaltet also auch klassisches Wachstum. Anders gesprochen, können Wachstums- und Schrumpfungsphasen einander ablösen, wie es etwa auch im Modell der "atmenden Stadt" dargestellt wird. Mit der sich verändernden Wirtschaftstruktur (Abbau des sekundären Sektors, steigende Bedeutung des tertiären Sektors, Globalisierung, Ende der Vollbeschäftigung, zunehmende Mobilisierung der Gesellschaft nach amerikanischem Vorbild) verändert sich nicht zuletzt aber auch das Verhalten der Stadtbewohner.
Aus diesen Zusammenhängen folgt, dass Strategien zur Optimierung urbaner Natur sich auf zwei Flächenkategorien beziehen müssen:
- bebaute Flächen (z.B. verdichtete Innenstädte, Industrie- und Gewerbeflächen, Verkehrsflächen), die nur eingeschränkt Funktionen des Naturhaushalts übernehmen können oder als besonders belastete Lebensräume gelten müssen (z.B. Straßenräume) und
- Dispositionsflächen (z.B. Brachflächen, Abrissflächen), die aufgrund des Strukturwandels frei werden und nun ein großes Potenzial für urbane Naturentwicklung darstellen.
Nach der Grundidee des Stadt-Umland-Gradienten der ersten Förderphase und der Untersuchung von Brachflächen in der zweiten sollen nun im Rahmen der dritten Förderphase, wie oben angedeutet, an den beiden genannten Flächenkategorien "Dispositionsflächen" und "bebauten Flächen" Steuerungselemente entwickelt und erprobt werden, mit denen eine Optimierung von Naturfunktionen urbaner Flächen (=> Naturhaushalt, Lebensumwelt) erzielt werden kann:
Auf Dispositionsflächen wird die Entwicklung bzw. Optimierung von Natur durch Änderung der Bebauungsstruktur ermöglicht. Abriss und Aufgabe der Nutzung (nicht mehr benötigte Kitas, Schulen, Gewerbeflächen) vollziehen sich zurzeit in erheblichem Umfang z.B. in den Plattenbaugebieten Berlins. In diesem Zusammenhang sind auch Fragen der Zwischennutzung (z.B. "Natur auf Zeit") von ganz besonderem Interesse.
Der Straßenraum stellt demgegenüber auch in dicht bebauten Gebieten fast den einzigen öffentlichen Entwicklungsraum für Natur dar. Mit der Entwicklung bzw. Optimierung der "Natur im Straßenraum" (z.B. Straßenränder, Mittelstreifen) ergibt sich die Möglichkeit, im Bestand, d.h. ohne Änderung der Bebauungsstruktur, Naturfunktionen zu entwickeln.
Beide Flächenkategorien unterscheiden sich erheblich bezüglich ihrer ökologischen Charakteristika, haben jedoch gemeinsam, dass sie in Schwerpunkten städtischer Bevölkerung vorkommen und aufgrund ihrer großen Ausdehnung bedeutende Entwicklungsräume für urbane Natur darstellen.
Die Untersuchung der Flächenkategorien soll in den folgenden, in vielen Ballungsräumen vorhandenen Stadtstrukturtypen erfolgen:
- verdichtete, innenstadtnahe Bereiche, z.B. gründerzeitliches Blockareal
- aufgelockerte, durchgrünte Villen- bzw. Einfamilienhausviertel
- Großwohnsiedlungen mit Abrissflächen
- aufgegebene Gewerbeflächen.
Der Ansatzpunkt der naturwissenschaftlichen Einzelvorhaben besteht darin, Entwicklungsperspektiven für die beiden Modell-Flächentypen zu entwickeln und die damit verbundenen Funktionen / Entlastungspotentiale für den urbanen Naturhaushalt aufzuzeigen (z.B. klimatischer Ausgleich, Lebensraumfunktionen, Wasserhaushalt, Schadstoffbindung, Lufthygiene). Die methodischen Ansätze umfassen dabei Laborexperimente, Versuche im Bestand sowie Modellierungen auf der Grundlage verschiedener Szenarien, die zur Ableitung von Zielgrößen dienen. Die gesellschaftswissenschaftlichen Einzelvorhaben sind darauf ausgerichtet, die verschiedenen Entwicklungsperspektiven für die Modell-Flächentypen in ihrer Funktion als Teil der urbanen Lebensumwelt (z. B. Wohnumfeld, Wirtschaftsstandorte, Umweltwahrnehmung) zu analysieren. In der Zusammenführung beider Ansätze werden Chancen und Risiken verschiedener Entwicklungsansätze abgeglichen, Synergismen für eine Optimierung des Naturhaushalts und des Wohnumfelds herausgearbeitet und zusammenfassend weitergehende Optimierungsvorschläge abgeleitet. So sind beispielsweise Strategien für die Gestaltung von Straßenräumen gefragt, die sowohl sich wandelnde Klimabedingungen berücksichtigen bzw. deren negative Auswirkungen abmildern, gleichzeitig aber auch auf die sich ändernden Ansprüche unterschiedlich alter Menschen verschiedener Herkunft eingehen.
Auch in der dritten Phase wird dabei der "Drei-Skalen-Ansatz" (Mikroebene der Experimentierflächen, Mesoebene des weiteren Umfelds bzw. des Bezirkes, Makroebene der Gesamtstadt), der schon bei GRK 780/2 im Mittelpunkt stand, beibehalten (Abb. 2). Es sind also nicht nur Feldexperimente auf der Mikroebene vorgesehen. Der Ansatz wird aber dergestalt erweitert, dass insbesondere in der mittleren und oberen Ebene eine Generalisierung hin zu beispielhaften Prototypen (Abstrahierung zur "virtuellen Stadt") angestrebt wird, um allgemein gültige, stadtökologisch relevante Handlungsperspektiven zu entwickeln bzw. vorhandene zu modifizieren. Diese regionale, raumübergreifende Komponente ermöglicht auch die Einbettung der mikro- und mesoskaligen Untersuchungen in ein generalisiertes Gesamtgefüge (Abb. 2).

Abb. 2: Leitthematik und Herangehensweise des Kollegs in der dritten Phase
Die dazu notwendigen Bilanzierungen können bereits auf die Daten der ersten beiden Kollegphasen zurückgreifen. Außerdem muss bei der Entwicklung der Prototypen auch die internationale Dimension, sowohl europaweit als auch in Zusammenarbeit mit dem nordamerikanischen IGERT-Partnerkolleg, mit einbezogen werden.
Neben experimentellen Arbeiten auf der Mikroebene in Straßen- und Freiräumen sowie den übergreifenden Themen der Meso- und Makroebene sind Szenarien zur Erarbeitung von Zielgrößen zu erstellen, mit denen die erstrebte Optimierung unter den Rahmenbedingungen des Wandels (Klimawandel mit Konsequenzen für Wasserhaushalt, Biodiversität, Luftbelastung; demographischer Wandel hin zu einer alternden Bevölkerung; technologischer Wandel im Hoch- und Tiefbau; sozialer Wandel und Wandel der Personenmerkmale) zu konkretisieren ist. So sind beispielsweise Szenarien für die Gestaltung von Straßen- und Schienenräumen unter sich wandelnden Klimabedingungen, Szenarien für die Gestaltung der neu entstehenden Freiflächen zwischen den Plattenbauten einer Großwohnsiedlung oder Szenarien für die Nutzung neu gestalteter öffentlicher Räume durch unterschiedlich alte Menschen verschiedener Herkunft zu entwickeln.
Schließlich besteht in der dritten Phase eine weitere wichtige Aufgabe des Kollegs darin, die theoretische Fundierung stadtökologischer Forschung im Lichte der gewonnenen Erkenntnisse aus allen drei Kollegphasen neu zu überdenken. Dabei ist vom multidisziplinären Schichtenmodell und dem Transektansatz von Herbert Sukopp auszugehen. Jedoch ist dieser "klassische Berliner Ansatz" mit Ideen aus Leipzig ("Stadtstrukturtypen"), Bochum ("Sustainable Brownfield Regeneration), Frankfurt ("Wie sieht die ökologische Stadt der Zukunft aus?"), Seattle ("Integrating Humans into Ecology"), Baltimore und Tempe/Phoenix ("Long Term Ecological Research") zu diskutieren, um die Zukunftsfähigkeit und Weiterentwicklung der stadtökologischen Forschung zu gewährleisten.
Integrationsstruktur und Clusterbildung
Auf Grund des wissenschaftlich sehr breiten Ansatzes, der für die Stadtökologie als Wissenschaftsdisziplin charakteristisch ist, ist eine relativ große Zahl von 9 Antragsteller(inne)n (core faculty) mit 13 assoziierten Wissenschaftlern (supporting faculty) notwendig. Alle Antragsteller und mit wenigen Ausnahmen auch die assoziierten Wissenschaftler waren bereits in der zweiten Kollegphase Mitglieder von GRK 780. Von diesem Personenkreis wurden insgesamt 17 Teilprojekte formuliert, die auf Grund der Erfahrungen aus den ersten beiden Kollegphase mehreren Clustern zugeordnet wurden.
Innerhalb der Cluster ist die Zusammenarbeit zwischen den Teilprojekten besonders intensiv. Es ist Grundkonsens und zählt zum leitenden Verständnis des Kollegs, dass auch zwischen den Clustern ein intensiver Gedankenaustausch stattfindet, so wie dies in den ersten beiden Phasen erfolgreich durchgeführt wurde. Auf diese integrativen Aspekte wird das Kolleg weiterhin sein besonderes Augenmerk richten.
Systemtheoretische Clusterebene
Die Teilprojekte sind in einer ersten, mehr Theorie geleiteten Clusterebene den Teilsystemen "Natürliches System Stadt" und "Gesellschaftliches oder Sozioökonomisches System Stadt" zugeordnet, wobei die stärker methodisch ausgerichteten TPs zur Geomatik bzw. Psychologie eine verbindende Position einnehmen
Systemebene Natürliches System Stadt
In der ersten Ebene sind die 10 Teilprojekte zur urbanen Atmosphäre (Endlicher), Pedosphäre (Wessolek), Hydrosphäre (Nützmann) und Biosphäre (Kowarik und Marzluff) zusammengefasst.
Systemebene Gesellschaftliches System Stadt
In der zweiten Ebene arbeiten die 3 Teilprojekte zur Anthroposhäre (Schulz und Kulke) zusammen.
Die 4 TPs zur Geomatik (Hostert) und Psychologie (van der Meer) stehen aufgrund ihrer methodischen bzw. inhaltlich-methodischen Ausrichtung sowohl der ersten als auch der zweiten Systemebene nahe.
Thematische Clusterung
In einer zweiten, stärker thematisch ausgerichteten Workpackage-Ebene hat das Kolleg die folgenden vier Cluster identifiziert, die eine übergeordnete, integrative Rolle spielen werden:
Cluster 1: Biodiversität und Optimierung der ökologischen Funktion des Straßenraums
Straßen sind in allen Städten vorhanden und stellen aus stadtökologischer Sicht besonders problematische Bereiche des öffentlichen Raumes dar, da sie vielfältigen Störungen unterliegen. Andererseits bieten sie jedoch auch Potenziale für eine an diese Belastungen angepasste Vegetation und Tierwelt. Dabei spielen neben der Verkehrssicherheit und Zugänglichkeit aus stadtökologischer Sicht v.a. Fragen der gestalterischen Planung versus spontaner Naturentwicklung eine Rolle. In welchem Ausmaß das Angebot von Mittelstreifen, Baumscheiben bzw. Straßen- und Platzrandrändern von Tier- und Pflanzenarten genutzt werden kann, hängt von artspezifischen Unterschieden in den Sensitivitäten der Organismen gegenüber oder Anpassungen an (Berlin-) stadtspezifischen Umweltfaktoren und Belastungssituationen mit Umweltchemikalien ab. Stadt- und insbesondere Straßen spezifische Umweltfaktoren betreffen die klimatischen Bedingungen (z.B. Wärmeinsel Stadt) ebenso wie die durch Verbauung beeinflusste Verfügbarkeit (Mangel ebenso wie Überfluss) von Ressourcen und zudem die stadtspezifischen Stoffkreisläufe (Bodenbeschaffenheit, Wasserkreisläufe, Verfrachtung von Schadstoffen etc.).
All diese Faktoren beeinflussen die Realisierung der Etablierung von Pflanzen und Tieren. Da viele Organismen denselben Faktoren ausgesetzt sind, besteht die Möglichkeit, allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu erarbeiten oder mit Berlin-spezifischen wissenschaftlichen Daten zu unterlegen.
Die naturwissenschaftlich orientierten Teilprojekte können beitragen mit z.B.:
- Erfassung der anpassungsfähigsten Fauna und Flora
- Charakterisierung der Umweltfaktoren und -chemikalien, denen sie ausgesetzt sind
- Ergründung und Vergleich der Anpassungsmechanismen
Für die gesellschaftswissenschaftlichen Teilprojekte kann ein Schwerpunkt liegen auf der Erfassung von:
- Bewusstsein über den qualitativen Zustand der vorhandenen Straßen als urbaner Naturräume
- Beurteilung von Flächen mit ihrer Biodiversität in Abhängigkeit von der geplanten und gepflegten bzw. spontan ausgebildeten Struktur
Übergreifende Fragestellungen:
- Welche Rolle spielen Vegetation und Böden im Straßenrandbereich als Quellen oder Senken für die atmosphärische Partikelbelastung?
- Welche Lebensraumfunktionen haben Straßenrandbiotope für Tier- und Pflanzenarten?
- Welcher ökotoxikologischen Belastung sind die Organismen ausgesetzt und welche Schädigungen der Straßenrandvegetation sind fernerkundlich detektierbar?
- Wie werden die Straßenrandbiotope wahrgenommen?
- Inwiefern erhöht die Auswertung hyperspektraler Thermaldaten die Aussagekraft bestandsbezogener Klimadaten?
- Können Bilanzierungen zur biogenen Aerosolproduktion durch Vegetation mittels Fernerkundung mit hinreichender Zuverlässigkeit in die Fläche übertragen werden?
Cluster 2: Wohnfolgelandschaften
Ein gravierendes Problem in allen altindustrialisierten europäischen, aber auch außereuropäischen Ländern wird der Umbau der Städte und die damit verbundene Schrumpfung der bebauten Flächen sein. Durch rückläufige Einwohnerzahlen stehen erstmals in der europäischen Geschichte große innerstädtische Flächen zur Disposition. Dies können sowohl Gewerbe- und Industrieflächen, Infrastruktureinrichtungen, Friedhöfe als auch wenig attraktive Wohnbebauungsflächen, insbesondere in Großwohnsiedlungen sein. In diesem Zusammenhang spricht man inzwischen von Wohnfolgelandschaften, d. h. Siedlungen, die durch weite, offene Flächen am Rand oder auch im Zentrum geprägt und durch den Abriss von Gebäuden oder Infrastruktureinrichtungen entstanden sind.
Im Zuge der Programme Stadtumbau Ost, insbesondere aber der IBA Stadtumbau werden z. Zt. städtebauliche Konzepte für die neu entstehenden Stadtstrukturen in Sachsen-Anhalt entwickelt. Eine enge Zusammenarbeit wird angestrebt bzw. besteht bereits. In diesem Cluster von GRK 780/3 soll gezielt die stadtökologische Dimension dieser Entwicklungen untersucht werden. Um die Realisierungsmöglichkeiten und die Relevanz der aufgeworfenen Fragestellung zu überprüfen, sind insbesondere auch sozioökonomische und umweltpsychologische Grundlagen notwendig. Nur mit einem solchen intradisziplinären Ansatz kann es gelingen, Strategien für diese Flächen zu entwickeln und über Szenarien wissenschaftlich basierte Entscheidungshilfen zu formulieren.
Übergreifende Fragestellungen:
- Wie viel Flächen werden in Großwohnsiedlungen in den nächsten Jahren frei? Wie sind diese Flächen beschaffen und welche Planungsoptionen bieten sie (Infrastruktur, Lage, sozioökonomische Steuerungsmöglichkeiten und Vegetation)?
- Welches Potential bieten Wohnfolgelandschaften für die Biodiversitätsentwicklung, wie lassen sich diese im Hinblick auf naturschutzfachliche Ziele und Freiraumqualität bewusst steuern und wie werden verschiedene Nutzungsvarianten wahrgenommen?
- Welchen Beitrag leisten Klein- und temporäre Gewässer auf solchen Wohnfolgelandschaften für die Biodiversitätsentwicklung und welchen ökotoxikologischen Belastungen sind sie ausgesetzt. Wie ändert sich durch den Rückbau das Mikro- und Lokalklima und welche Konsequenzen hat dies sowohl für die Tier- und Pflanzenwelt als auch die Bewohner?
- Wie beeinflusst der Stadtumbau wesentliche Funktionen von Klima, Boden, Gewässer und Habitaten in Wohnfolgelandschaften?
- Welche Szenarien können aus den gewonnenen sozioökonomischen, vegetationsökologischen, gestalterischen und umweltpsychologischen Erkenntnissen entwickelt werden?
Cluster 3: Stadtökologische Handlungsstrategien und Stadtumbau - das Feld der Zwischennutzung
Die gesellschaftswissenschaftliche Vorhaben (Humangeographie, Planung) befassen sich im geplanten Graduiertenkolleg 780/3 mit Ansätzen des Stadtumbaus und seinen Potenzialen zur Verbesserung der stadtökologischen Situation. Dabei wird, ausgehend vom Leitgedanken der Stadtschrumpfung (780/2), die Annahme eines stetigen Wechsels von Wachstum und Schrumpfung als Konstante der Stadtentwicklung unterstellt. Die zyklische, aber keineswegs kontinuierlich verlaufende Auf- und Abwärtsentwicklung der Nachfrage nach Nutzflächen wird somit in einen größeren Entwicklungszusammenhang der Stadt eingebettet. Sie stellt den Rahmen für die Suche nach stadtökologisch ausgerichteten Handlungsstrategien dar.
Die konkreten Forschungsarbeiten richten sich auf das Phänomen der Zwischennutzung. Zwischennutzungen werden in der Stadtplanung zunehmend als flexibles Instrumentarium zur temporären Umsetzung planerischer Ziele gesehen, mit dem die oft hohe Hürde der Eigentumsfrage befristet umgangen werden kann. Mit der letzten Änderung des BauGB durch das Europarechtsanpassungsgesetz (EAG-Bau, 30.6.2004) wurde die Zwischennutzung auch förmlich sanktioniert (§ 171 a-d BauGB) und in den Katalog der Stadtumbaumaßnahmen aufgenommen. Bisher liegen aber, zwangsläufig, nur wenige Erfahrungen im Umgang mit diesem Instrumentarium vor.
Am Beispiel der Zwischennutzung soll das je spezifische Verhältnis von Dispositionsflächen einerseits und hochverdichteten Flächen andererseits und deren Steuerbarkeit untersucht werden. Wir gehen davon aus, dass stadtökologische Nutzen nicht nur von prinzipiell dauerhaft gesicherten bzw. zur Verfügung stehenden Flächen erbracht werden (etwa Stadtparks und wäldern, Schutzgebieten etc.), sondern in hohem Maße auch von Brachflächen, temporär ungenutzten Flächen etc.
Angesichts der konstant wechselhaften Nachfrage nach Flächen in der Stadt (vgl. Konjunkturzyklen, "Standortmoden") könnte es sogar sinnvoll sein, das Prinzip "Temporäre Nutzung" systematisch für stadtökologische Ziele zu nutzen, statt den komplizierten Weg der Flächenwidmungen (incl. der Eigentumsaspekte) zu gehen. Eine Schlüsselfrage der Zwischennutzung ist die Verfügbarkeit unterschiedlicher, ökologisch relevanter Flächenkategorien, die wiederum durch drei Stellgrößen reguliert wird:
- den städtischen Bodenmarkt,
- politisch-planerische Festsetzungen,
- zivilgesellschaftliche Formen der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.
Diese drei sozioökonomischen bzw. politisch-planerischen Kategorien stellen auch die wichtigsten Akteure im System der städtischen Bodennutzung dar. In allen drei Kategorien bestehen bestimmte Randbedingungen und Restriktionen für die Flächennutzung: Eigentum und Bodenmarkt setzen vermutlich den bedeutendsten Rahmen; planerische Festsetzungen werden auch im Zuge rechtlicher Lockerungen zunehmend flexibel gehandhabt. Die zivilgesellschaftliche Entscheidungsfindung ist in den vergangenen Jahren in Planungsprozessen erheblich ausgebaut worden. Insbesondere haben sich Beteiligungsverfahren als Ergänzung privater bzw. öffentlich-rechtlicher Entscheidungsfindung etabliert. Zwischennutzungen sollen am Beispiel dieser drei Handlungsebenen auf ihren Einfluss zur Förderung stadtökologisch relevanter Handlungsstrategien untersucht werden.
Übergreifende Fragestellungen:
Inwieweit bietet die Zwischennutzung als neues stadtplanerisches Instrument Möglichkeiten, um auf die wechselhafte Nachfrage nach Flächen angemessen zu reagieren? Welche spezifischen Handlungsbedingungen und -restriktionen sind aus der Sicht der einzelnen Akteursgruppen, insbes. Nutzer (Haushalte, Unternehmen), zivilgesellschaftliche Interessengruppen, Stadtplanung, zu berücksichtigen?
- Welchen Einfluss haben zivilgesellschaftliche Formen der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung auf stadtökologisch fundierte Konzepte zur Zwischennutzung und wie beeinflussen Zwischennutzungen die subjektive Befindlichkeit und das Verhalten von Stadtbewohnern?
- Welchen methodischen Beitrag kann die Geofernerkundung bei der Bewertung von Zwischennutzungen leisten?
- Kann Stadtumbau als Daueraufgabe verstanden und organisiert werden, und auf welche Weise könnten dabei stadtökologische Erkenntnisse produktiv genutzt werden?
Cluster 4: Psychische Gesundheit und Befindlichkeit der Stadtbewohner
Urbane Ökosysteme zeichnen sich insbesondere in der Gegenwart durch dynamische und relativ kurzfristige objektive Veränderungen aus, die sich, wie oben erwähnt, sowohl in selektiven Schrumpfungsprozessen (Dispositionsflächen) als auch in Verdichtungsprozessen (z.B. Verdichtung von baulichen Strukturen und Straßenräumen) zeigen. Von besonderem Interesse für das Graduiertenkolleg 780/3 ist, ob, und wenn ja, wie sich die Veränderungen dieser objektiven Bedingungen in subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen widerspiegeln. Eine weiterführende Frage ist, ob Handlungsentscheidungen von Stadtbewohnern mit diesen Veränderungen in einen ursächlichen Zusammenhang gebracht werden können.
Sowohl die Veränderungen der objektiven Umweltbedingungen als auch deren subjektive Wahrnehmung und Bewertung können spezifische Befindlichkeiten - positiver wie negativer Art - von Stadtbewohnern induzieren (vgl. Husemann, 2005) und letztlich zu gesundheitlichen Risiken führen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass trotz allgemein fallender Krankenstände ein markanter Anstieg von Arbeitsausfällen infolge psychischer Störungen festzustellen ist, und zwar um 74,4% seit 1994 (vgl. Mitteilung des BKK-Bundesverbandes 2004). Dies spricht für den höchst bedeutsamen Einfluss der subjektiven Verarbeitung gegebener Umweltbedingungen. Unter Umständen kann allein eine ungünstige kognitive Analyse oder emotionale Bewertung von Umweltreizen zu Missbefinden und im Extrem zu psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen führen.
Deshalb sind zwei teilprojektübergreifende Untersuchungsstrategien sinnvoll:
Erfassung objektiv messbarer, potentiell kritischer Merkmale von Dispositionsflächen und Verdichtungsräumen; Klassifikation der untersuchten Flächen in unbelastete und belastete Flächen (ggf. Normierung an Standards des BfG, BfU, EU-Richtlinien).
Analyse der Wahrnehmung und der affektiven Bewertung der Flächen durch die Anwohner; Erfassung der Befindlichkeit und ggf. der gesundheitlichen Merkmale der Anwohner von unterschiedlich belasteten Flächen.
Zahlreiche empirische Befunde belegen, dass Überschreitungen der zulässigen Grenzwerte kritischer Umweltfaktoren (wie z.B. Feinstaub, Bodenkontamination, Ozon, Hitze usw.) zu gesundheitlichen Risiken führen können. Von besonderem Interesse ist, inwieweit die objektive Ausprägung von spezifischen Umweltmerkmalen durch die subjektive Verarbeitung moderiert wird und in welchem Maße es zu einer Verstärkung objektiver Reizeigenschaften (Überschätzung von Risiken) oder zu einer Nivellierung objektiv kritischer Konstellationen kommt (Unterschätzung von Risiken).
Die Erfassung und Quantifizierung ausgewählter relevanter Merkmale der biotischen und abiotischen Umwelt wird durch verschiedene Teilprojekte vorgenommen: z.B. das Ausmaß an Feinstaubbelastung in der Atmosphäre im Straßenraum (TP Atmosphäre, Endlicher), Bewuchsvarianten in der Pedosphäre (TP Pedosphäre, Wessolek), Grade an Wasser- und Uferzonenverschmutzungen (TP Hydrosphäre, Nützmann), Gestaltungsvarianten von Dispositionsflächen (TP Biosphäre, Kowarik, Marzluff) und generelle Landnutzungsvarianten von Stadtgebieten (TP Fernerkundung, Hostert).
Die Untersuchung der subjektiven Wahrnehmung dieser Bedingungen bis hin zur Erfassung spezifischer subjektiver Befindlichkeiten und psychogener Gesundheitsfaktoren der Bewohner und der ggf. daraus resultierenden Handlungstendenzen (wie z.B. Umzugsverhalten) erfolgt durch das Teilprojekt Umweltwahrnehmung, Umweltbewertung und Handlungsperspektiven.
Übergreifende Fragestellungen:
- Welche Beziehung besteht zwischen objektiv gemessener/modellierter und subjektiv empfundener Hitzebelastung)
- Welche Relevanz hat die Partikelbelastung für die psychische Befindlichkeit der Anwohner?
- Welche Rolle spielen Gewässerqualität und die Struktur der Uferzonen von Gewässern für die psychische Befindlichkeit?
- Werden ökologische Merkmale und Gestaltungsvarianten von Dispositionsflächen wahrgenommen und affektiv bewertet und wie beeinflussen sie die psychische Gesundheit?
Gemeinsame Untersuchungsgebiete
Im Sinne einer stärkeren Integration von Teilprojekten wird zu Beginn der Forschungsarbeit eine konkrete Ausweisung der Arbeitsgebiete durch Antragsteller und die dann ausgewählten Kollegiaten gemeinsam vorgenommen (Großwohnsiedlungen und Straßenabschnitte für die Mikroebene, Bezirke für die Mesoebene...). So lassen sich Fragestellungen am Ende der Diskussionsphase nochmals zuschärfen und konkreter knüpfen. Dieses gemeinsame Vorgehen und die Diskussion im Gelände auf einer ersten Exkursion bzw. Begehung hat sich schon bei GRK 780/2 bewährt. Es trägt sehr zur Integration der neuen Kohorte - im Sinne einer frühen Selbständigkeit - am Beginn der dreijährigen Kollegzeit bei.