Stadtökologische Perspektiven III
Optimierung urbaner Naturentwicklung –
Naturfunktionen und Lebensumwelt der Stadtbewohner im dynamischen Wandel

Experimentelle Diversifizierung der Biodiversitätsdynamik in urbanen Wohngebieten

Stipendiat:

Antragsteller: Kowarik (TU)

Co-Antragstellerin: von der Lippe (TU)

Kennwort: Biodiversitätsdynamik

Fragestellung

Großwohnsiedlungen sind in vielen Teilen Ostdeutschlands starken Veränderungen unterworfen, die sich vor allem aus der Überalterung der Bevölkerung ergeben. Durch den Abriss nicht mehr benötigter Gebäude entstehen in erheblichem Ausmaß neue Freiflächen. So werden im Berliner Bezirk Hellersdorf-Marzahn allein durch den Abriss von Kitas und Schulen ca. 100 ha frei, für die in naher Zukunft keine bauliche Nutzung absehbar ist. Eine Erweiterung der Freiflächen in Großwohnsiedlungen beinhaltet die Chance einer Attraktivitätssteigerung für die betroffenen Wohngebiete, aber auch größere Spielräume für die Integration von Naturschutzzielen in urbane Wohngebiete.

Die öffentlichen Mittel zu herkömmlicher Freiflächengestaltung sind begrenzt. Die Strategie, durch Nichtstun eine ungesteuerte Naturentwicklung in Richtung "Wildnis" zuzulassen, führt zu Akzeptanzproblemen. Zugleich ist absehbar, dass eine weitgehende Wiederbewaldung der Flächen zu einer Vereinheitlichung der Lebensgemeinschaften führt, da die an Offenstandorte gebundenen Tier- und Pflanzenarten stark zurückgehen werden. Daraus ist zu schließen, dass für die Freiraumentwicklung in Großwohngebieten "Wildnis" eine mögliche, aber keine ausschließliche Entwicklungsperspektive darstellt.

Vor diesem Hintergrund soll in diesem Teilprojekt geklärt werden, in wieweit durch innovative Ansätze der Freiflächenentwicklung die Lebensraumfunktionen für die Pflanzen in Großwohnsiedlungen erweitert werden können. Als Lösungsansatz wird eine Diversifizierung natürlicher Prozesse erprobt, wogegen im TP "Gestaltung" auf räumlich benachbarten Untersuchungsflächen komplementär eine Variation der Vegetationsentwicklung durch eine gestalterische Steigerung erprobt wird (vgl. Abb.1).

Mit dem Untersuchungsansatz sollen folgende Fragen beantwortet werden:

Methoden

Auf Verfügungsflächen im Bezirk Hellersdorf-Marzahn werden Untersuchungsflächen in einem randomisierten Blockdesign eingerichtet, die primär den Zielsetzungen des TPs Biodiversitätsdynamik und des TPs Gestaltung dienen. Die Flächen werden in Abstimmung mit dem Bezirksamt vor Beginn der 3. Förderphase etabliert, so dass relevante Ergebnisse hinsichtlich des Erfolgs der verschiedenen Varianten im Bearbeitungszeitraum zu erwarten sind.

Zwei der im TP Biodiversitätsdynamik erprobten Varianten setzen dabei am Bestand an (ungelenkte und gelenkte Sukzession), zwei weitere diversifizieren die Entwicklungskorridore der Phytodiversität durch die Initiierung neuer Sukzessionsserien (Aussaat gebietseigener Arten trocken-warmer Standorte, Saatgutübertragung von naturnahen Kulturlandschaftsstandorten). Die beiden letzten Varianten zielen darauf, durch eine Überwindung von Isolationseffekten auch potenzielle Lebensräume für Arten in urbanen Großwohnsiedlungen zu erschließen, die in der intensiv genutzten Kulturlandschaft vom Rückgang betroffen sind.

Die untersuchten Varianten unterscheiden sich hinsichtlich der Intensität der Maßnahmen. Das Spektrum reicht dabei vom Nichtstun bis zur Standortvorbereitung durch Abschieben des Oberbodens. Insofern lassen die Ergebnisse auch Schlussfolgerungen zu der Frage zu, mit welchem Aufwand eine Förderung von Biodiversitätsfunktionen zu erreichen ist.

Ausgangspunkt der Sukzession sind Zierrasen, die in großem Umfang auf Geländen ehemaliger Kindertagesstätten und Schulen brach fallen. Für das TP Biodiversitätsdynamik werden neben der Nullvariante mit ungelenkter Sukzession drei Behandlungsalternativen realisiert. Auf je 3 x 3 m großen Flächen werden biotoplenkende Maßnahmen unterschiedlicher Eingriffsintensität mit 5 Wiederholungen auf mindestens 2 Teilflächen erprobt. Im Einzelnen werden folgende Maßnahmen erprobt:

Die Wirkung der Varianten auf die Phytodiversität wird mit Analysen des Deckungs- und Etablierungsgrades der Arten sowie mit Analysen zur Samenbank und zur Zusammensetzung der Spenderbiotope (Variante c) analysiert. Der Erfolg der Behandlungen wird anhand folgender Indikatoren evaluiert: Zunahme der ?-Diversität der Vegetation, Ähnlichkeit der Vegetationszusammensetzung zu Referenzbeständen (Frischwiesen/ Magerrasen der Umgebung), Artenzahlen bestimmter Artengruppen der Zielvegetation (z.B. Magerrasenarten/ Frischwiesenarten), Anteil der etablierten Arten der Ansaatmischung (Behandlung b), Anteil der etablierten Arten des Spenderbestandes für die Mähgutübertragung (Behandlung c), Strukturreichtum der Vegetationsbestände. In Kooperation mit dem Teilprojekt "Umweltpsychologie" wird die Akzeptanz der ästhetischen Wirkung der Vegetationsbestände in einer repräsentativen Bevölkerungsgruppe untersucht.

Thema der geplanten Dissertation

Diversifizierung der Biodiversitätsdynamik auf Brachen in Großwohnsiedlungen