Stadtökologische Perspektiven III
Optimierung urbaner Naturentwicklung –
Naturfunktionen und Lebensumwelt der Stadtbewohner im dynamischen Wandel

Einfluss ausgewählter abiotischer und biotischer Umweltfaktoren auf die psychische Befindlichkeit von Stadtbewohnern und Abschätzung von Gesundheitsrisiken

Stipendiatin:Jasmin Honold

Antragsteller: van der Meer (HU)

Co-Antragstellerin: Beyer (HU)

Kennwort: Umweltwahrnehmung und -bewertung

Fragestellung

In der klassischen psychodiagnostischen und psychotherapeutischen Theoriebildung ging man bei der Betrachtung der Ätiologie psychischer Missempfindungen und psychischer Störungen primär von intrapsychischen Konflikten aus (Kriz, 2000, Grawe et al., 1995, Freud, 1936). In moderneren Konzeptionen werden mehrfaktorielle Ansätze bevorzugt. Dabei wird das Zusammenwirken von kritischen äußeren Reizkonstellationen und ihrer spezifischen internen Widerspiegelung - meist verbunden mit ineffizienten Verarbeitungsstrategien - als wesentliche Ursache psychopathologischer Phänomene angesehen (Comer, 1995, Margraf, 1996, Schwarzer, 1997).

Es gibt empirische Evidenz, dass kritische Umweltbedingungen (z.B. hohe Ozonwerte) zu organischen Erkrankungen führen können. Im Kontext des Graduiertenkollegs 780/3 ist es von besonderem Interesse zu prüfen, ob ausgewählte kritische Umweltfaktoren auch nachweisbare negative Effekte auf die psychische Befindlichkeit von Stadtbewohnern haben und infolgedessen ein zusätzliches indirektes Gesundheitsrisiko darstellen.

Zahlreiche Befunde insbesondere aus der Stressforschung belegen, dass bestimmte Reizausprägungen erst durch die subjektive Verarbeitung und negative affektive Bewertung die Qualität eines Stressors erlangen und dadurch zu einem Gesundheitsrisiko werden (Schwarzer, 1997, Lazarus, 1995). Eine derartige Verarbeitung und Klassifikation externer Reize wird in der Regel von einer permanenten physiologischen Überaktivität begleitet und kann zu pathologischen organischen Veränderungen führen. Dieser Sachverhalt macht deutlich, dass es nicht ausreicht, bei grenzwertüberschreitenden kritischen Umweltbedingungen nur das ggf. erhöhte Auftreten organischer und psychischer Erkrankungen zu prüfen. Eine notwendige, bislang noch zu selten verfolgte Analyserichtung muss darüber hinaus auch auf den Zusammenhang von kritischen Umweltbedingungen und ihrer negativen subjektiven Bewertung fokussieren. Die Identifikation negativer Bewertungen von Umweltgegebenheiten - objektivierbar durch geäußerte Missbefindlichkeiten oder spezifische Auffälligkeiten physiologischer Reaktionen (wie z.B. Herzfrequenz-, Hautleitwert-, Pupillendilatationsparameter) - hat bedeutsame gesundheitspolitische Konsequenzen, insbesondere für die Prävention organischer und psychischer Erkrankungen.

Im Mittelpunkt des Projektes stehen deshalb folgende Teilziele:

Methoden

In einem ersten Schritt (Teilziel 1; siehe auch Teilprojekt 3.3.13: Umweltwahrnehmung) werden die Untersuchungsgebiete der anderen Teilprojekte unter Beachtung der jeweiligen Untersuchungsperspektive in ihrer natürlichen oder künstlich geschaffenen Bedingungsvariabilität möglichst detailliert erfasst. Auf dieser Basis werden zielgerichtet kritische und unkritische Reizkonstellationen selektiert, wie z.B. bezüglich (i) des Grades an Feinstaubbelastung in der Atmosphäre (TP Atmosphäre, Endlicher), (ii) der Lärmbelastung, (iii) spezieller Bewuchsvarianten in der Pedosphäre (TP Pedosphäre, Wessolek), (iv) des Grades an Wasser- und Uferzonenverschmutzungen (TP Hydrosphäre, Nützmann) und (v) genereller Landnutzungsvarianten von Stadtgebieten (TP Fernerkundung, Hostert).

In einem zweiten Schritt (Teilziel 2) wird geprüft, ob extreme Ausprägungen dieser objektiven Umweltbedingungen im Vergleich zu unkritischen Bedingungen subjektiv als Belastungen wahrgenommen werden und zu negativen Befindlichkeiten führen. Dazu werden primär Fragebogen- und Interviewtechniken eingesetzt, mit denen unterschiedliche umweltbezogene Befindlichkeitsaspekte erfasst werden können: subjektive Umweltqualität, wahrgenommene Umweltbelastung, subjektive Lärmbelastung, Mobilitätsverhalten, Selbst-, Lebens- und Wohnzufriedenheit, Ortsverbundenheit, Dissonanzpotential, gesundheitliche Befindlichkeit (Weidemann, 1982; Klockhaus, 1992; Lalli, 1989, Klöfer & Wermeling, 2003, Feuersänger, 2004). Von Interesse ist dabei auch die Ermittlung allgemeiner Personenparameter wie Ängstlichkeit, Ärgerlichkeit, Aggressivität, Depressivität, kognitive Beeinträchtigung und Kontrollverlust, die als wesentliche Co-Indikatoren für negative Befindlichkeiten angesehen werden (Atkinson et al., 2003; Schwarzer, 1997; Comer, 1996). Parallel zur Erfassung der subjektiven Befindlichkeit sollen in einem dritten Schritt (Teilziel 3) spezifische und möglicherweise inadäquate Verarbeitungsstrategien, die Bewohner bei der Bewältigung als belastend empfundener Umweltbedingungen anwenden, identifiziert werden. Dazu werden standardisierte Fragebögen eingesetzt (Bergner, Rudolf, Rauchfuß, & Beyer, 2000). Auf diese Weise lassen sich z.B. emotions- oder problemorientierte Copingstrategien, irrationale Denkmechanismen wie Übergeneralisierung, selektive Abstraktion, Personalisierung, Minimierung / Maximierung (Beck, 1995) erfassen. Unterschiedliche Varianten eingesetzter Bewältigungs- bzw. Copingstrategien können bei objektiv gleichartigen Umweltbedingungen zu unterschiedlichen individuellen Befindlichkeiten führen.

Fragebogendaten sind auf Grund ihrer Subjektivität prinzipiell fehlerbehaftet. Deshalb sollen die erhobenen Befunde in einem vierten Schritt (Teilziel 4) durch experimentelle Methoden und objektive Indikatoren abgesichert und differenziert werden. Vorgesehen sind dabei u.a. Wiedererkennungs- und Beurteilungsparadigmen unter Verwendung von Wort- und Bildmaterial, das unterschiedlich belastende Umweltbedingungen bzw. kognitive Anforderungen unterschiedlicher Schwierigkeit repräsentiert. Untersucht werden Probanden, die in ihrem Wohnumfeld extremen versus keinen Expositionen kritischer Umweltreize ausgesetzt sind. Als Indikatoren werden Reaktionszeiten, Fehlerraten und ausgewählte psychophysiologische Parameter herangezogen (Hautleitwert, Pupillenreaktion; Beyer et al., 2005; Nuthmann & van der Meer, 2005; Prehn, van der Meer et al., 2005; van der Meer, Beyer et al. 2002; van der Meer et al., 2003). Zu erwarten ist beispielsweise eine erhöhte pupillometrische Reaktionsamplitude bei subjektiv extrem belasteten gegenüber subjektiv nicht belasteten Probanden. Die Analyse des Hautleitwertes führt zu Aussagen über den Aktivierungsgrad einer Person und erlaubt damit ebenfalls Rückschlüsse auf eventuelle Stressreaktionen (Prehn, van der Meer et al., 2005).

Ergänzend zu diesen empirischen Analysen werden - soweit möglich - Statistiken der Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Gesundheitswesen/Soziales bezüglich umweltbedingter Morbidität und Mortalität herangezogen (siehe auch TP 1 Stadtklima).

Thema der geplanten Dissertation

Einfluss ausgewählter abiotischer und biotischer Umweltfaktoren auf die psychische Befindlichkeit von Stadtbewohnern und Abschätzung von Gesundheitsrisiken