Der Einfluss zivilgesellschaftlicher Formen der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung auf eine stadtökologische orientierte Zwischennutzung
Stipendiat:
Antragsteller: Schulz (HU)
Kennwort: Zivilgesellschaft
Fragestellung
Der gemeinsame Ansatz der gesellschaftswissenschaftlichen Teilprojekte ist eine Expost-Analyse von festgelegten Zwischennutzungen in verschiedenen Gebietstypen entsprechend dem Gesamtkonzept. Das betrifft einerseits Zwischennutzungen in verschiedenen Wohngebietstypen und andererseits in Gewerbegebieten.
Ökologische Ansätze liegen einerseits in der Aufwertung der Freiraumstrukturen insbesondere in Wohngebieten und andererseits in der Ergänzung von Einrichtungen, die in Wohngebieten und deren Umgebung fehlen. Diese können positiv auf die Stadtökologie wirken u. a. durch Reduzierung von Mobilitätsaufkommen der Bevölkerung. Es kann auch die Strategie des Offenlassens von Flächen sein (Ganser 2002, S. 107). In dem Teilprojekt steht die Form der Zwischennutzung in Stadtumbaugebieten im Fokus der Betrachtung. Als Zwischennutzung werden nach dem Bundesamt für Bauwesen und Raumnutzung "neue Formen der Gestaltung und Nutzung auf brachliegenden Flächen bezeichnet, die ohne Wechsel des Eigentümers und Änderung des Planungsrechts Optionen für eine künftige Bebauung offen lassen und bis dahin für eine mehr oder weniger lange Zeit einen städtebaulichen Missstand dämpfen bzw. neue Qualitäten bewirken" (Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2004 S. 4). Bisherige Untersuchungen belegen, dass der Stadtumbau neue Akteure generiert (ebenda S.6). Der Schwerpunkt des Projektes wird auf die Akteurskonstellation gelegt und besonders auf die Analyse der Abwägungsprozesse bei der Entscheidung der festgelegten Zwischennutzung. Es werden die Möglichkeiten und die Nutzung zivilgesellschaftlicher Formen der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung untersucht. Mit den im novellierten Baugesetzbuch fixierten rechtlichen Festlegungen der Zwischennutzung ergeben sich für die Kommunen neue Möglichkeiten. Untersuchungsgegenstand sind auf dieser rechtlichen Basis erfolgte Zwischennutzungen. Folgende Fragestellungen liegen dem Teilprojekte zugrunde:
- Welche Formen der Zwischennutzung werden in Stadtumbaugebieten gewählt?
- Welche stadtökologischen Wirkungen besitzen die Zwischennutzungen?
- Wer sind Akteure in dieser Form des Stadtumbauprozesses?
- In welcher Weise sind zivilgesellschaftliche Akteure an der Wahl der Zwischennutzung beteiligt?
- Wie gestalten sich die Beteiligungsverfahren?
- Welchen Stellenwert haben stadtökologische Aspekte bei den verschiedenen Akteuren?
- Welche Schwierigkeiten treten bei der Umsetzung stadtökologischer Interessenlagen auf?
Ausgangspunkt ist die These, daß die Partizipation von Bewohnern und anderen Akteursgruppen in der Stadt wesentliche Impulse für den Umgang mit Schrumpfungsphänomenen liefert und für die Zielstellung einer nachhaltigen Stadtentwicklung unabdingbar sind.
Ziel der Forschung ist es das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen sozialen, ökonomischen und ökologischen Interessen an Dispositionsflächen in ausgewählten Gebietstypen in der Stadt zu untersuchen und die Rahmenbedingungen und die Rolle eines bürgerschaftlichen Engagement aufzuzeigen und daraus Handlungsempfehlungen allgemeiner Art als auch spezifisch nach Gebietstypen abzuleiten. Insbesondere sollen dabei stadtökologische Aspekte Berücksichtigung finden. Es geht darum an ausgewählten Flächen in Berlin die Akteurskonstellationen und die Anforderungen der einzelnen angestrebten Nutzungen der Akteure an die Dispositionsfläche zu ermitteln und die Nutzungskonkurrenzen herauszuarbeiten, sowie die Chronologie des Prozess der Entscheidungsfindung nachzuzeichnen.
In den von Stadtumbau betroffenen Städten wie auch in Berlin sind zwei Wohngebietstypen nach den bisherigen Untersuchungen (Bericht der Expertenkommission "Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Bundesländern ..., Berlin 2000, S. 25) von den Schrumpfungsphänomenen besonders betroffen: Großwohnsiedlungen und überwiegend unsanierte Altbaugebiete in der Innenstadt. Darüber hinaus ist auch in Gewerbegebieten das Vorkommen von Dispersionsflächen von Bedeutung. Die unterschiedlichen Merkmale der beiden Wohngebietstypen und der Gewerbestandorte hinsichtlich der Bebauungsstruktur, der Eigentumsstrukturen und der Flächennutzungsstrukturen bedingen in der Regel Unterschiede in dem Vorkommen von Dispersionsflächen und damit verbunden unterschiedliche Akteure und verschiedene Intensionen der Akteure in der Nutzung dieser Flächen. Die drei Gebietstypen weisen bezogen auf die gesamte Struktur der Stadt eine unterschiedliche Funktion auf. Diese Sachverhalte erfordern unterschiedliche Handlungsoptionen beim Umgang mit den Schrumpfungsprozessen und den Möglichkeiten der Zwischennutzung.
Der Berliner Senat hat sich am Bund-Länder-Programm Stadtumbau Ost beteiligt und hat in den letzten Jahren Stadtumbauprojekte realisiert und Zwischennutzungen auf entsprechenden Flächen festgelegt und zum Teil umgesetzt. An ausgewählten Beispielen sollen die oben genannten Fragen untersucht werden.
Methoden
Entsprechend der Fragestellung orientiert sich die Untersuchung vorrangig auf die Mesoebene. Mehrere Arbeitsschritte sind zur Beantwortung der Teilfragestellungen notwendig:
1. Schritt:
- Auswahl von Beispielen für Zwischennutzung in Wohngebietstypen und Gewerbeflächen. Sie erfolgt generell gemeinsam mit allen Teilprojekten.
- Charakterisierung der Gebiete nach ausgewählten Merkmalen:u. a. Einwohnerentwicklung (erfolgte und prognostizierte), Einwohnerstruktur und deren Veränderung im zeitlichen Verlauf, Wohnungsbestand und dessen Struktur und Entwicklung, Wohnungsleerstand und dessen erfolgte und prognostizierte Entwicklung,Ungenutzte Einrichtungen der sozialen Infrastruktur (u. a. Schulen, Kitas).
- Erfassung der Flächennutzung der ausgewählten GebieteErfassung der Flächennutzung, Charakterisierung der Zwischennutzung sowie der vorhandenen und potentiellen DispositionsflächenBewertung dieser Flächen hinsichtlich biotischer und abiotischer Sachverhalte (Projekte Kowarik, Kulke, Hesse)Vergleich der gegenwärtigen Flächennutzung mit dem Stand von 1989 unter Hinzuziehung von Luftbildern (Projekt Hostert/Kleinschmit)
2.Schritt:
- Nachvollziehung des Entscheidungsprozesses der Festlegung der Zwischennutzung und Ermittlung der an der Festlegung beteiligten Akteure und deren Interessenlage nach sozialen, ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten. Wie gestalteten sich die Beteiligungsverfahren? Was waren die wesentlichen Hindernisse?
- ExpertenbefragungAls Experten werden Personen ausgewählt, die als Akteure im Prozeß der Festlegung der Zwischennutzung sowohl auf der Mikro-, Meso- als auch auf der Makroebene fungieren (z.B. Grundstückseigentümer, Bewohnergruppen o. ä., Mitarbeiter von Institutionen der Bezirke bzw. der Senatsverwaltung Berlins).
- Wie wird die gewählte Zwischennutzung von Nutzern, Bewohnern des Gebietes und Akteuren des Entscheidungsprozesses bewertet?Die Ergebnisse der Teilprojekte der Antragstellerin der ersten und zweiten Projektphase des Graduiertenkollegs sind eine wesentliche Basis.
3. Schritt:
- Die drei gesellschaftswissenschaftlichen Teilprojekte analysieren unter Berücksichtigung der Meso- und Makroebene das Zusammenwirken der drei Stellgrößen.
Thema der geplanten Dissertation
Der Einfluss zivilgesellschaftlicher Formen der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung auf eine stadtökologisch orientierte Zwischennutzung