Stadtökologische Perspektiven III
Optimierung urbaner Naturentwicklung –
Naturfunktionen und Lebensumwelt der Stadtbewohner im dynamischen Wandel

Analyse der Wahlalternativen temporäre und dauerhafte Nutzung für eine langfristige ökologieorientierte Stadtentwicklung unter den Marktbedingungen von Eigentümern und Investoren

Stipendiat:

Antragsteller: Kulke (HU)

Co-Antragsteller: Hesse (FU)

Kennwort: Raumplanung und Zwischennutzung

Fragestellung

DDie Handlungsperspektiven für Folgenutzungen von Verfügungsflächen werden bestimmt durch Rahmenbedingungen des Standortes, den Zeithorizont der Nutzung und den Einfluss von Akteuren. Standortspezifische Rahmenbedingungen sind beispielsweise die räumliche Lage im Stadtgebiet, die Art und Intensität der umgebenden Nutzungen oder die verkehrliche Erreichbarkeit; in der zweiten Projektphase des Graduiertenkollegs werden diese Bedingungen an verschiedenen Verfügungsflächen untersucht, daraus Typen von Flächen gebildet und diese mit den Standortansprüchen verschiedener Nutzungsarten verglichen. Entsprechend liegen zu Beginn der dritten Projektphase Kenntnisse über die Eignung verschiedener Flächentypen für verschiedene Arten der Nutzung vor.

Um die tatsächliche Folgenutzungen zu empfehlen und zu realisieren und damit die Chancen einer ökologisch orientierten Stadtentwicklungspolitik bewerten zu können, sind jedoch zusätzlich der Zeithorizont und der Einfluss von Akteuren zu berücksichtigen. Hinsichtlich des Zeithorizonts wird gegenwärtig eine intensive Diskussion bezüglich der Alternativen einer dauerhaften und einer temporären Nutzung geführt. Stadtgebiete sind ständigen Wechseln zwischen Wachstum und Schrumpfung unterworfen; in Wachstumsphasen besteht ein starker Druck zu intensiven Flächennutzung, während in Schrumpfungsphasen auch extensivere Nutzungsmöglichkeiten gegeben sind. Gerade dann stellt sich die Frage, ob eine zeitlich befristete Zwischennutzung nicht für eine dauerhaft nachhaltige Stadtentwicklung die sinnvollere Alternative darstellt. Eine temporäre Nutzung erlaubt die Überbrückung eines Zeitintervalls bis später eine besser dem langfristigen Leitbild der Stadtentwicklung entsprechende Struktur entwickelt werden kann. Mit den Änderungen des BauGB durch das Europarechtsanpassungsgesetz wurden hierfür im Jahr 2004 die planungsrechtlichen Bedingungen geschaffen (vgl. Krautzberger 2004).

Die Wahl von temporären und dauerhaften Nutzungen und deren Art und Intensität ergibt sich aus dem Einfluss der Akteure. In dieser Hinsicht lässt sich eine Zuordnung in die Akteursgruppen des Marktes (vor allem Eigentümer der Flächen und Investoren/Nutzer), der Planung (Planer/Politiker, Träger öffentlicher Belange) und der Zivilgesellschaft (z.B. Bewohner, Gruppen, NGOs) vornehmen. Für die Marktbeziehungen innerhalb der Städte wird in den klassischen Ansätzen der Stadtgeographie als Regelungsmechanismus für die Art der Nutzung die Bid-Price-Funktion angenommen (vgl. Dicken/Lloyd 1999, S. 62f; Giese 1978 u. 1995, S. 36f; Kulke 2004, S. 59f). Sie ergibt sich aus den Konkurrenzangeboten potentieller Nutzer; je attraktiver eine Lage für verschiedene Nutzer ist, desto höhere Gebote unterbreiten sie und entsprechend hohe Bodenpreise treten auf. Die Zahlungsfähigkeit hängt dabei von der Art der Nutzung (z.B. hochwertige Dienstleistungen, Wohnbebauung, Gewerbeflächen, öffentlicher Park) ab, und die Zahlungsbereitschaft ergibt sich aus den aktuellen Bedingungen von Verfügbarkeit und Nachfrage nach Flächen (d. h. Expansion oder Schrumpfung). Gerade in Zeiten einer stagnierenden oder schrumpfenden Flächennachfrage kann für Eigentümer der Flächen eine zeitlich befristete Zwischennutzung interessant sein, um später einen höheren Preis zu erzielen. Ebenso kann für Investoren eine Zwischennutzung interessant sein, bis später unter anderen Rahmenbedingungen eine dauerhaft geeignetere Nutzung erfolgt.

Die Akteure von Seiten der räumlichen Planung versuchen langfristig, eine ihren Leitvorstellungen entsprechende Stadtstruktur zu erreichen. In die Entscheidungsfindung fließen Aspekte der Wohnqualität, Wirtschaftsentwicklung, Versorgungssicherung und Stadtökologie ein. Häufig mussten in der Vergangenheit kurzfristig Entscheidungen getroffen werden, die zwar die zum jeweiligen Zeitpunkt günstigste Lösung darstellten, aber u. U. zu langfristig suboptimalen Nutzungen führten. Mit der Möglichkeit der Zulassung von temporären Nutzungen hat sich der Handlungsspielraum von Planern wesentlich vergrößert und damit eröffneten sich bessere Möglichkeiten einer langfristig nachhaltigen Stadtentwicklung (vgl. Oswalt 2002, Kruse 2003).

In dem geplanten Projekt sollen die Grenzen und Möglichkeiten durch temporäre Nutzungen eine langfristig nachhaltige Stadtentwicklung zu erreichen untersucht werden. Damit knüpft das Projekt unmittelbar an die Fragen der zweiten GraKo-Phase an, in welcher untersucht wird, welche Typen von Flächen für welche Arten von Nutzung geeignet sind und welche ökologischen, ökonomischen und städtebaulichen Effekte bei der Abwägung zwischen verschiedenen Nutzungsformen zu berücksichtigen sind (siehe Fortsetzungsantrag S. 77). In dem Folgeprojekt soll das Zusammenspiel der Akteure von Seiten des Marktes und der Planung für eine sinnvolle temporäre und nachhaltige dauerhafte Nutzung analysiert werden. Zentrale Fragen sind dabei:

Methoden

Im ersten Schritt werden unterschiedliche Typen von Verfügungsflächen identifiziert sowie deren spezielle Rahmenbedingungen dokumentiert; an deren Beispiel sollen Möglichkeiten einer temporäre oder dauerhaften Nutzungsmöglichkeiten untersucht werden.

Im zweiten Schritt erfolgen dann dort Primärerhebungen, die überwiegend auf Expertengesprächen und Interviews von beteiligten Akteuren basieren. Gesprächspartner sind Eigentümer, Investoren und Planer. Leitfadengestützte Interviews sollen Grenzen und Möglichkeiten bei der Wahl von Nutzungsalternativen dokumentieren. Dabei wird zusätzlich bei Eigentümern und Investoren die "willingness-to-pay"-Methode für Wahlalternativen eingesetzt. Bei den Planern werden die Interviews durch ex-post-Betrachtungen des Zusammenspiels bei realisierten Vorhaben (Analyse von Protokollen, Bedenken und Anregungen in Planungsverfahren, Beteiligung Träger öffentlicher Belange) ergänzt.

Im dritten Schritt werden diese eher auf den Mikro- und Mesoraum orientierten Ergebnisse in den Makroraum der Stadt eingebunden. Dabei steht die Frage der stadträumlichen Rahmenbedingungen für die Entscheidung zu Gunsten von Wahlalternativen im Vordergrund.

Thema der geplanten Dissertation

Analyse der Grenzen und Möglichkeiten des Einflusses räumlicher Planung durch temporäre und dauerhafte Nutzung für eine langfristige ökologieorientierte Stadtentwicklung