Der Einfluss unterschiedlicher Naturverständnisse auf den Umgang mit innerstädtischen Verfügungsflächen am Beispiel von Zwischennutzungenund Investoren
Stipendiat:
Antragsteller: Lossau (HU)
Kennwort:
Fragestellung
Das Vorhaben geht von der Überlegung aus, dass in der Stadt ganz unterschiedliche Formen von Natur existieren; angefangen von ursprünglichen Waldstücken und Feuchtgebieten an der Peripherie des Stadtgebiets über mehr oder weniger repräsentative gärtnerische Anlagen und verschiedene Formen des Abstandsgrüns bis hin zur „urban-industriellen Natur“, d.h. dem „Unkraut“ und „Gestrüpp“ auf städtischen Brach-, Gleis- und Betriebsflächen (Kowarik 1991; 1992). Diese Naturen werden von unterschiedlichen Akteuren nicht nur je anders als Natur wahrgenommen und bewertet; die Akteure haben auch je spezifische Vorstellungen davon, was überhaupt natürlich ist und was nicht. In diesem Sinne ist ein französischer Garten für viele natürlicher als die Ruderalvegetation am Straßenrand; ein Waldstück an der Peripherie des Stadtgebiets gilt wiederum als natürlicher als ein englischer Garten. Das Anliegen des Vorhabens ist es, solche Vorstellungen und Bewertungen von Natur im Kontext von Verfügungsflächen zu untersuchen. Die Leitfragen des geplanten Vorhabens lauten entsprechend: • Welche Vorstellungen – Ideen, Konzepte, Bilder – von Natur gibt es im Umgang mit Verfügungsflächen und was ist jeweils gemeint, wenn von „Natur“ oder „Ökologie“ die Rede ist? • Was gilt den jeweiligen Akteuren als natürlich (bzw. unnatürlich), was als ökologisch sinnvoll (bzw. nachteilig), was als nachhaltig (bzw. schädlich)? • Welchen Einfluss haben die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was Natur ist, auf die konkreten Nutzungsentscheidungen? Diese Fragen sind für das Graduiertenkolleg insofern relevant, als der Umgang des Menschen mit seiner Umwelt maßgeblich davon abhängt, wie diese Umwelt wahrgenommen und bewertet wird (Trepl 1992; vgl. auch Trepl 1987; Hard 2003): Menschen bewegen sich anders in einer Umwelt, die sie für einen verletzlichen organischen Zusammenhang halten, als in einer Umwelt, die sie als beliebig reproduzierbare „grüne Kulisse“ ihres alltäglichen Handelns verstehen. So mag die Vegetation einer Verfügungsfläche aus der Sicht eines Experten wertvoll und schützenswert sein, in der alltäglichen Einstellung der Anwohner hingegen lediglich als Unkraut erscheinen und entsprechend „zertrampelt“ werden. Die wissenschaftliche Analyse unterschiedlicher Naturverständnisse ist demnach besonders wichtig, wenn es, wie in der dritten Förderphase des Graduiertenkollegs, um die Entwicklung und Erprobung von Steuerungselemente auf einer operativen, handlungsleitenden Ebene geht. Denn auch wenn die jeweils zum Tragen kommenden Naturbegriffe für die Akteure selbst oft im Verborgenen bleiben (und auch von wissenschaftlicher Seite meist nicht explizit gemacht werden), haben sie erheblichen Einfluss auf gegenwärtige und zukünftige Nutzungsentscheidungen.
Methoden
Im Graduiertenkolleg soll der Frage nachgegangen werden, welches Potential Zwischennutzungen für eine optimierte urbane Naturentwicklung innewohnt. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Verfügbarkeit von ökologisch relevanten Flächen durch drei Stellgrößen reguliert ist: den städtischen Bodenmarkt, politisch-planerische Festsetzungen und zivilgesellschaftliche Formen der Entscheidungsfindung. Ausgehend von diesen Stellgrößen soll der Einfluss, den Akteure des Marktes (Flächeneigentümer sowie Investoren), Akteure der Planung (Planer, Politiker, die öffentliche Hand) und Akteure der Zivilgesellschaft (Anwohner, Projektgruppen, NGOs) auf eine stadtökologisch orientierte Zwischennutzung haben. Vor diesem Hintergrund erfolgt die Beantwortung der oben aufgeworfenen Fragen in vier Schritten: 1. Auswahl der Untersuchungsbiete Ausgewählt werden insbesondere solche Verfügungsflächen, deren konkrete Nutzung zum Zeitpunkt der Auswahl noch nicht festgelegt ist. Mit der Fokussierung auf noch nicht festgelegte Zwischennutzungen ist der Vorteil verbunden, dass der Prozess der Entscheidungsfindung methodisch miterlebt werden kann und nicht hinterher nachvollzogen werden muss. Dieses Vorgehen scheint sinnvoll, wenn es darum geht, Naturverständnisse zu erheben – und damit Einstellungen und Vorstellungen über die natürliche Umwelt, die den Akteuren selbst oft nicht präsent sind und daher auch nicht nacherzählt werden können. Entsprechend müssen Erhebungsmethoden gewählt werden, mit denen auch diejenigen Sinngehalte abgefragt werden können, die im alltäglichen Handeln meist nicht reflektiert, sondern unhinterfragt vorausgesetzt werden (vgl. Werlen 2001, 39). 2. Erhebung Hier soll vor allem mit dem Instrument der Focus Group gearbeitet werden. In Focus Groups können unterschiedliche Perspektiven in einem mehr oder minder dynamischen Diskussionsprozess herausgearbeitet werden. Die Situation in der Gruppe führt dazu, dass die Teilnehmenden Themen und Gegenstände auf eine Art und Weise reflektieren, die ohne die Interaktion mit anderen nicht möglich wäre (vgl. Morgan 1988; Bohnsack 2000; Loos u. Schäffer 2001). Die in den Workshops erhobenen Daten können dann durch gezielte narrative Interviews mit einzelnen Akteuren aus allen drei Akteursgruppen ergänzt und validiert werden. Gleichzeitig bieten sich ethnographische Beobachtungen von ausgewählten Akteuren bei verschiedenen, mit der Zwischennutzung verbundenen Aktivitäten an (Amann u. Hirschauer 1997; Flick 2005, 216-220). Auch die Gruppendiskussionen können für Beobachtungsverfahren genutzt werden. 3. Interpretation In einem dritten Schritt werden die erhobenen Daten in ihrem jeweiligen Kontext interpretiert. Zu diesem Zweck gilt es zunächst, die unterschiedlichen Naturverständnisse, ihre Verwendungszusammenhänge und Geltungsbereiche herauszuarbeiten. Darauf aufbauend kann dann die Frage beantwortet werden, welches Naturverständnis zu welchem stadtökologischem Ergebnis – d.h. zu welcher konkreten Nutzungsentscheidung – führt. Gleichzeitig kann gezeigt werden, in welchem Zusammenhang die Naturvorstellung einer Akteursgruppe mit ihrem Erfolg in der jeweiligen „Transformationskoalition“ steht. 4. Auswertung Der vierte Schritt besteht schließlich darin, die Ergebnisse des Teilprojekts im Gesamtzusammenhang des Graduiertenkollegs auszuwerten. Hierzu soll zunächst, in Übereinstimmung mit den anderen Teilprojekten des Graduiertenkollegs, geprüft werden, inwieweit es möglich ist, die Ergebnisse von der Meso- auf die Makroebene zu übertragen. Abschließend werden Entwicklungsstrategien für einen nachhaltigen Stadtumbau abgeleitet, die, ebenfalls im Verbund mit den anderen Teilprojekten, interdisziplinär bewertet werden sollen.Thema der geplanten Dissertation
Der Einfluss unterschiedlicher Naturverständnisse auf den Umgang mit innerstädtischen Verfügungsflächen am Beispiel von Zwischennutzungen
Literatur
Amann, K. u. Hirschauer, S. (1997): Die Befremdung der eigenen Kultur. Ein Programm. In: Hirschauer, S. u. Amann, K. (Hg.): Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie. Frankfurt a. Main. Bohnsack, R. (2000): Gruppendiskussion. In: Flick, U.; Kardorff, E. v. u. Steinke, I. (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek b. Hamburg. Flick, U. (2005): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek b. Hamburg (3. Auflage). Hard, G. (2003): Die Natur, die Stadt und die Ökologie. Reflexionen über „Stadtnatur“ und „Stadtökologie“ (1994). In: ders.: Dimensionen geographischen Denkens. Aufsätze zur Theorie der Geographie Bd. 2. Osnabrück, 341-370. Kowarik, I. (1991): Unkraut oder Urwald? Natur der vierten Art auf dem Gleisdreieck. In: Bundesgartenschau GmbH (Hg.): Dokumentation Gleisdreieck morgen. Sechs Ideen für einen Park. Berlin, 45-55. Kowarik, I. (1992): Stadtnatur – Annäherung an die „wahre“ Natur der Stadt. In: Stadt Mainz u. BUND Kreisgruppe Mainz (Hg.): Symposium Ansprüche an Freiflächen im urba¬nen Raum. Mainz, 63-80. Morgan, D. L. (1988): Focus groups as qualitative research. Newbury Park, CA. Loos, P. u. Schäffer, B. (2001): Das Gruppendiskussionsverfahren. Opladen. Trepl, L. (1987): Geschichte der Ökologie vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Frankfurt a. Main. Trepl, L. (1992): Natur in der Stadt. In: Deutscher Rat für Landespflege (Hg.): Natur in der Stadt. Der Beitrag der Landespflege zur Stadtentwicklung. Schriftenreihe des Deutschen Rates für Landespflege 61, 30-32. Werlen, B. (2001): Stichwort „Alltag“. In: Lexikon der Geographie Bd. 1. Berlin, 39.