Stadtökologische Perspektiven II
Schrumpfende Großstädte: Strukturwandel als Chance für urbane
Naturentwicklung und verbesserte Lebensumwelt der Stadtbewohner

Forschungsprogramm


  • Gemeinsame Forschungsabsichten
    1. Leitthematik
    2. Herangehensweise bei der Kollegarbeit
      1. Räumliche Arbeitsebenen des Kollegs
      2. Wissenschaftliche Fragestellung
    3. Zitierte Literatur

  • Teilprojekte
  • Gemeinsame Forschungsabsichten

    1. Leitthematik

    Die Entwicklung zur Schrumpfenden Stadt gilt zwar in besonderem Maße für Berlin, ist aber für viele deutsche und europäische Großstädte zu erwarten. Wirtschaftliche und demographische Szenarien prognostizieren nicht länger ein Wachstum. In Berlin wurde noch im Jahr 1994 für 2010 von einer Bevölkerungszahl von 3,7 Millionen ausgegangen (SENSTADT 1994, 4); 1998 wurde diese Zahl im wahrscheinlichsten mittleren Szenario für 2015 auf ca. 3,35 Millionen (SENSTADT 1999, für 2015 ca. 3,36 Millionen) korrigiert. In allen berechneten Varianten wird jedoch davon ausgegangen, dass die seit 1994 zu beobachtende Tendenz des Bevölkerungsrückgangs vorerst anhält. Es kann also mit gewisser Vorsicht von einer Entlastung der Berliner Freiflächen von Nutzungsdruck und vom Entstehen neuer Verfügungsflächen ausgegangen werden. Eine ganze Reihe von konsumtiven Flächenbevorratungen für Wohnen und Gewerbe könnte aus dem auf ein erhebliches Wachstum gerichteten Flächennutzungsplan entlassen werden. Entsprechende Umwidmungen werden z. B. von Berliner Naturschutzverbänden bereits eingefordert (NABU Berlin 2002).

    Durch den urbanen Strukturwandel entsteht also ein erhöhtes Angebot an Verfügungsflächen unterschiedlicher Qualität, wobei aktuell disponible, real existierende und potenziell, optional mögliche unterschieden werden können.

    Verfügungsflächen können dabei von unterschiedlicher Art sein:

    Gemeinsames Merkmal dieser Flächen ist, dass sie als Dispositionsspielraum für eine weitere Entwicklung zur Verfügung stehen, wobei ökologische, ökonomische und soziale Potenziale zu nutzen sind. Das Entwicklungspotenzial solcher Flächen ist also als Grundlage für verschiedene Nutzungsoptionen zu eruieren. Dies soll beispielhaft auf verschiedenen inhaltlichen und räumlichen Ebenen bearbeitet werden (s.a. 3.1.3.). Als wesentliches Ergebnis ist ein Erkenntnisgewinn hinsichtlich natürlicher und gesellschaftlicher Mechanismen, Folgen und Wechselwirkungen im Rahmen des urbanen Strukturwandels zu erwarten. Weiterhin werden Schlussfolgerungen für die Entwicklung planerisch nutzbarer Steuerungsinstrumente zu gewinnen sein, die für die Ausgestaltung des neuartigen Prozesses der „schrumpfenden Stadt“ bislang noch nicht zur Verfügung stehen (Abb. 2). Dabei ist auch zu überprüfen, ob das Schrumpfungsphänomen als neues Paradigma in der Stadtentwicklungsdebatte langfristig wirksam ist oder ob es sich bei den derzeitig ablaufenden Prozessen eher um einen zyklisch verlaufenden Wechsel von Kompression und Dehnung von Raumnutzungen handelt (These HESSE 2003).

    2. Herangehensweise bei der Kollegarbeit

    Aus den bisherigen Überlegungen ist die in Abb. 2 abgebildete Herangehensweise der Kollegarbeit entwickelt worden.


    Abb. 2: Leitthematik und Herangehensweise des Kollegs

    Ausgangspunkt der vorgesehenen Untersuchungen ist ein verstärktes, aus dem urbanen Strukturwandel resultiertes Angebot an Verfügungsflächen. Diese Flächen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer aktuellen Disponibilität und Nutzungsintensität. Auf bereits bestehenden Brachflächen sind frühere Flächennutzungen bereits stark bis völlig reduziert, auf Umwidmungsflächen ist eine Veränderung der Nutzung absehbar, wodurch auch neue (potentielle) Freiräume entstehen können (z. B. in Großwohnsiedlungen mit hohem Leerstand).

    Die verschiedenen Verfügungsflächen werden aus zwei Perspektiven untersucht: in ihrer Rolle als natürliche sowie als gesellschaftliche Systemelemente. Dabei werden charakteristische Merkmale der Flächen und deren Ausprägung zugrundeliegende Mechanismen analysiert. Darauf aufbauend werden Nutzungsoptionen und Entwicklungspotentiale erarbeitet.

    Die Vernetzung der in den Teilprojekten durchgeführten Arbeiten erfolgt dabei zunächst innerhalb der naturwissenschaftlichen bzw. gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen (z. B. Untersuchung von Biodiversitätsmustern in ihrer Abhängigkeit von Boden- oder Klimafaktoren). Auf einer zweiten Vernetzungsebene werden Untersuchungsansätze miteinander verknüpft, die sektoral auf natürliche bzw. gesellschaftliche Teilsysteme der Stadt gerichtet sind (z. B. ökologische Merkmale von Verfügungsflächen in ihrer Bedeutung für das Wohnumfeld oder als weicher Standortfaktor). Weiterhin werden Entwicklungsoptionen für planerische Steuerungsinstrumente erarbeitet, für die angesichts der auch planungswissenschaftlich neuartigen Herausforderung („Schrumpfung statt Wachstum“) ein hohes Innovationspotential besteht. Damit soll letztendlich das Ziel erreicht werden, zuvor abgeleitete Chancen des Strukturwandels für die Stadtentwicklung mit Hilfe planerischer Steuerungsinstrumente zu nutzen und mögliche Risiken auszuschließen.

    Angesichts der Komplexität der Fragestellungen ist nach Ansicht der Antragsteller ein räumlich differenzierter Ansatz zielführend, der in Kap. 3.1.2.1 näher erläutert wird. Im darauf folgenden Kap. 3.1.2.2 werden die in den Teilprojekten bearbeiteten Einzelfragen übersichtlich zusammengestellt und den in Kap. 2.2 dargestellten Leitfragen zugeordnet.

    Zusammengefasst sind als Ergebnis der Kollegarbeit zu erwarten: erhebliche Erkenntnisfortschritte im Verständnis von Auswirkungen, Wechselbeziehungen und Systemzusammenhängen im Rahmen des urbanen Strukturwandels sowie Ansätze zu einer optimierten Steuerung der hiermit zusammenhängenden Prozesse.

    2.1. Räumliche Arbeitsebenen des Kollegs

    Die Bearbeitung des aktuellen Strukturwandels macht nach Ansicht der Antragsteller drei unterschiedliche räumliche Arbeitsebenen, eine lokale Mikrodimension, eine Mesodimension der weiteren Standortumgebung und eine gesamtstädtische Makrodimension erforderlich.

    Folgende Arbeitsschritte sind in diesen drei Raumdimensionen geplant:

    Ein Teil der oben formulierten Fragen kann am besten durch lokale Untersuchungen an ausgewählten Testflächen beantwortet werden. Zu berücksichtigen sind dabei sowohl die verschiedenen Flächenkategorien, wie Verkehrs-, Wirtschafts/Gewerbe- oder Wohnflächen, aber auch der Zeitraum ihres Brachfallens sowie schließlich auch die räumliche Verteilung innerhalb Berlins, die u.a. auf der Makroebene von Bedeutung ist (s.u.). Hinsichtlich der Verkehrsbrachen sind offen gelassene Eisenbahntrassen und Rangierbahnhöfe von besonderem Interesse, da sie ein besonderes Potential für urbane Biodiversität beinhalten und an ihnen die potenzielle Nutzungskonkurrenz beispielhaft untersucht werden kann. Außerdem kann auf ihnen, je nach dem Zeitpunkt ihres Brachfallens, die Pflanzensukzession studiert werden (z.B. Schöneberger Südgelände als Beispiel einer weit fortgeschrittenen Sukzession auf einem ehemaligen Rangierbahnhof; Nordbahnhof in Berlin-Mitte oder Biesenhorster Sand/Wuhlheide im Südosten oder das Gleisdreieck in Kreuzberg wären Beispiele jüngerer Sukzession auf Eisenbahnbrachen). Interessante Verkehrsbrachen stellen auch der auf dem ehemaligen Flugfeld Johannisthal angelegte Landschaftspark Adlershof/Johannisthal im Südosten und potenziell bzw. in Kürze auch der Flughafen Tempelhof im Herzen Berlins dar. Bezüglich der Wirtschafts/Gewerbebrachen wäre etwa an das komplexe Gebiet der Kabelwerke Ost mit dem Wassergrundstück an der Spree in Schöneweide im Südosten von Berlin zu denken. Einer ähnlichen Flächenkategorie ist auch das Gebäude des ehemaligen Zentralschlachthofes an der Landsberger Allee in Friedrichshain zuzurechnen. Als dritte Flächenkategorie sind die Großwohnsiedlungen im Osten Berlins (z.B. Marzahn) zu nennen, deren Rückbau auch aus stadtökologischer Sicht einer wissenschaftlichen Begleitung bedarf. Schließlich sind auch noch spezielle Verfügungsflächen vorhanden, zu denen etwa die Rieselfelder am Rande von Berlin oder die Einzugsgebiete von ehemaligen Wasserwerken zählen. Die zitierten Beispiele sind in Abbildung 3 zusammengestellt. Die das Kolleg tragenden Personen sind jedoch überein gekommen, im jetzigen Antragsstadium nicht schon eine fertige Liste der Testflächen zusammenzustellen, sondern die Auswahl zu Kollegbeginn im Rahmen von Geländebegehungen gemeinsam mit den ausgewählten Stipendiatinnen und Stipendiaten zu treffen. Die Antragsteller versprechen sich durch dieses Vorgehen besondere gruppendynamische Impulse für die Integration aller Beteiligten. Es können dann auch ganz aktuelle, flächenbezogene Planungsentscheidungen mit berücksichtigt werden.


    Abb. 3: Die Untersuchungsgebiete: 1. Marzahn Nord - 2. Rangierbahnhof Schöneweide und Landschaftspark Johannisthal - 3. Adlershof
    Datengrundlage: ATKIS-Basis-DLM, Landesvermessung und Geobasisinformation Brandenburg, Stand 2002. Kartographische Bearbeitung: Ellen Diermayer.

    Die Leitfragen bzw. die zentralen Fragestellungen des Kollegs können jedoch nicht durch einen nur an Einzelflächen orientierten Ansatz beantwortet werden. Auf der Mesoebene ist beispielhaft zu untersuchen, welche Bedeutung die Funktionen der Flächen für die umgebenden Stadtquartiere haben bzw. wie die Umgebung auf die Ausstattung und Funktionen der Flächen wirkt. Die Verfügungsflächen stehen auch administrativ in größeren Raumzusammenhängen, in Berlin etwa der eines Bezirkes bzw. Teilbezirkes. Auf der Mesoebene werden die Verfügungsflächen also aufgrund ihres Nutzungskontextes und ihrer innerstädtischen Funktion betrachtet. Die vielfältigen, für Natur und Gesellschaft gleicherweise relevanten Beziehungen der Testgebiete mit ihrer Umgebung sind herauszuarbeiten.

    Es ist insbesondere hinsichtlich einer gesamtstädtischen Planung (z.B. Grünflächenvernetzung oder Verkehrsplanung) auch eine gesamtstädtische Makroebene in die Betrachtungen mit einzubeziehen. In diesem Ansatz sollen Fragen zur Lokalisierung solcher Flächen, z.B. ihrem Umwidmungspotential, evtl. auch Abrisspotential, im Flächennutzungsplan und der Umnutzung im Gesamtplanungszusammenhang (administrativ etwa in Berlin die Senatsebene) beantwortet werden.

    Nur durch das Zusammenspiel dieser drei räumlichen Ebenen kann eine zielführende Analyse erfolgen. Auf der Mikroebene erfolgt eine unmittelbare Analyse des Standortes und seiner Wertigkeit (z.B. für eine bestimmte Vegetation, als Grundwassereinzugsgebiet, als klimatische Ausgleichsfläche, als Standort von Versorgungseinrichtungen usw.). Diese prinzipielle standörtliche Eignung muss jedoch eine Einbettung in die Umgebung (Mesoebene) erhalten, denn zum einen hat die Art der Nutzung des Standortes Auswirkungen auf die Umgebung (z.B. verbessert ein Park für die Bewohner Erholung und Belüftung, führt aber auch zur Verringerung der lokalen Nachfrage nach Verkehrs- und Versorgungsdienstleistungen – ein Versorgungsstandort für die Anwohner verbessert deren Versorgung, führt aber auch zu zusätzlicher Verkehrsbelastung durch großräumige Nachfrage). Zum anderen ergeben sich Ansprüche aus der Umgebung hinsichtlich der Art und Intensität der zu wählenden Nutzung (z.B. regionaler Grundwassereinzugsbereich, regionaler Freizeit- und Erholungsbedarf). Schließlich muss die Gesamtstadt (Makroebene) in ihren räumlichen Strukturen Berücksichtigung finden.

    2.2. Wissenschaftliche Fragestellungen

    In diesem Kapitel werden abschließend die in den Teilprojekten zu bearbeitetenden Einzelfragen den in Kap. 2.2 dargestellten Leitfragen zugeordnet.

    1. Wie sind die Auswirkungen von Schrumpfungsprozessen insbesondere in ihrer ökologischen Dimension zu charakterisieren und zu verstehen?
      • Wie sind Klima, Boden und Wasserhaushalt von Brachflächen charakterisiert?
      • Welche Vorteile bieten Brachflächen für Luftqualität, Bodenbelastung und Grundwasserneubildung gegenüber anderen Nutzungen?
      • Wie ist Biodiversität auf urbanen Verfügungsflächen ausgeprägt und in welchem Ausmaß können Standortfaktoren (Boden-, Klimaparameter) und ausbreitungsbiologisch relevante Faktoren (Ausbreitungsquellen in näherer und weiterer Umgebung) das Vorkommen verschiedener Arten und Gruppen von Pflanzen und Tieren erklären?
      • Welche Potenziale für Biodiversität lassen sich für urbane Lebensräume auf der Grundlage der organismischen Biologie beschreiben?
      • Welche ökotoxikologischen Konsequenzen haben veränderte bzw. verringerte Grundwassernutzungen für Wasserorganismen in urbanen Gewässern?
    2. Welche Chancen bieten sie für eine urbane Naturentwicklung?
    3. In welcher Form kann der urbane Strukturwandel für eine Verbesserung der Lebensumwelt der Stadtbewohner genutzt werden?
    3. Zitierte Literatur